Mit diesem Artikel schickt Ihnen Pfarrer Johannes Matthias Roth, der viele Jahre erfolgreich hier in der Evangelischen Gemeinde in Dubai tätig war und immer noch ganz eng mit den Menschen in den Emiaten und mit dieser Region verbunden ist, besinnliche Gedanken zu Ostern – gerade in dieser schwierigen Zeit.
Es war sicherlich die größte Palmsonntags-Zeremonie rund um den Erdball, die mit Papst Leo und Tausenden Gläubigen in Rom vor dem Peters-Dom stattfand: Erhaben, mächtig, feierlich. Gesänge, Worte, festlich inszeniert und ins Gebet versunkene Mitfeiernde auf dem Petersplatz von den Kameras gefühlvoll aufgefangen. Oft habe ich dort selbst gestanden, mitgesungen, in guter Ökumene Glauben, Musik, Traditionen mitgefeiert, ich fühle mit.
Ja, die alte Geschichte mit den Palmzweigen und Jesus auf dem Esel, eher peinlich, amüsant, aber die begeisterte Menschenmenge, die Hosianna-Rufe, alle happy, religiöse sowie politische Gruppen-Exstase, Menschen voller Hoffnung: „Himmelhochjauchzend“ – so die Stimmung in einem Wort, doch das „zu Tode betrübt“ sollte kommen, todsicher, wenige Tage später, am Karfreitag.
Aufstieg, Feiern, Party und wie aus dem Nichts: tiefer Fall und Absturz?! Gefeiert, königlich bejubelt… und dann zum Abschuss, zur Kreuzigung freigegeben. Ja, so kennen wir die Geschichte, bzw. haben diese als Kinder so gehört und gesungen.
Und dann die vielen kleinen und größeren Prozessionen, Messen, Familiengottesdienste mit den geweihten Palmzweigen, Kommunions- und Konfirmationsfeiern die aktuell stattfinden: Hochsaison in Sachen christlicher Glaube auch in den unzähligen Kirchen und Konfessionen in den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Der Palmsonntag, Auftakt zur Kar – und Osterwoche, letzte Woche unsrer 7-wöchigen Fastenzeit, vom Grundgefühl ganz ähnlich dem Ende des Ramadan, wenn das vierwöchige Fasten endet und das große Zuckerfest alle in seinen Bann zieht.
Doch, wie mein Kollege, der evangelische Pfarrer und Propst Joachim Lenz aus Jerusalem schreibt:
Für Palmsonntag wurden allen Kirchenvertretern der Zugang zur Grabeskirche in der Altstadt Jerusalems verwehrt und alle Prozessionen abgesagt! – das gab es noch nie. Ja, es ist Krieg, in Israel, im Libanon, rund um den Golf.
Schlaflose Nächte auch in Dubai, Abu Dhabi und in Ras Al Khaimah – sorgenvolle Blicke zum Himmel – Angriffe, Attacken. Nein, da wollen keine Ostergefühle aufkommen, von wegen „himmelhochjauchzend“ – ganz im Gegenteil.
Und die vielen Berichte von befreundeten Familien lassen mich zutiefst mitfühlen – die VAE- Kar – und Osterwoche 2026 im Krisenmodus.
Mitfühlen, nachspüren, erleben … das will ich auch meinen Schülern bei der interreligiösen Oster-Andacht ermöglichen: jüdische, christliche, muslimische Kinder nehmen daran teil: Wir sitzen in einem großen Kreis, in der Mitte warten vier Themenfelder auf die heute so aufmerksamen Kinder:
Wir singen eines meiner alten Lieder:
„Jesus zieht in Jerusalem ein, kommt und lauft Ihm entgegen, stimmt mit uns in ein Jubellied ein, singt und preist unseren König: Hosianna, Halleluja …“
Keine gigantische Macht-Demonstration , kein Aufmarsch der Panzer, kein Zurschaustellen der Raketen und Kamikaze – Drohnen- da passt aber der Erzähler schon auf, dass es bei Jesus anders läuft, anstelle eines stattlichen stolzen Pferdes als Machtsymbol ist ein Esel, bereit Lasten zu tragen, einfach, demütig, alltagstauglich.
Auf grüne Papierstreifen schreiben wir Schlagworte wie „tanzen“, „feiern“, „Segen“, „Hoffnung“, „Frieden“ … und reihen sie einem Weg gleich aneinander, wollen den Palmsonntags-Ritt so Schritt für Schritt visualisieren.
Die Schüler schwenken grüne Bänder, die auch schon in den Emiraten bei Gottesdiensten zum Einsatz kamen und spüren der biblischen Stimmung nach.
Es folgt die Gründonnerstags-Szene mit Jesus, seinen Jüngern, dem Weiterreichen von Brot und Wein auf dem Picknick -Teppich von Al Kabayel, der Gefangennahmeim Garten Gethsemane unter den alten Olivenbäumen, gleich einem Oasen-Erlebnis in all den ungewissen, ja kriegerischen Zeiten.
Die Schüler sind heute extrem aufmerksam; sie spüren, es braut sich etwas zusammen.
Die Schüler legen nun schwarze Plakate zu einem Kreuz aneinander: Keine Kommentare, keine Predigt. Sie spüren, dass „Angst“, „Neid“, „Hass“, „Krieg“ … damals wie heute existieren, den Frieden, ja das Leben bedrohen, auch jetzt und heute. Gott mittendrin. Jesus leidet und stirbt. Stille.
Ich gebe nun die Regie-Anweisung alle grünen „Papier- Hoffnungsworte“, die noch eben die Aula buchstäblich erfüllten in den Mülleimer zu werfen, weil es keine Hoffnung mehr gibt, kein Tanz, kein Friede, Tod.
Da meldet sich heftig, wild gestikulierend ein muslimisches Mädchen aus der zweiten Klasse zu Wort:“ Nein, nein, nein, nicht wegwerfen! Das können wir nicht machen! Wir müssen die hier lassen, bitte!“
Ihre Empathie, ihr Mitgefühl geht uns allen unter die Haut. Um sie zu beruhigen, legen wir die grünen Papierstreifen nur neben den Mülleimer.
Ich erzähle von der Osternacht, dem Wunder des Lebens, dass Gott diesen so schlimm verurteilten und gekreuzigten Jesus nicht im Tod gelassen hat; das Grab ist leer; die römischen Bewacher umgefallen am Boden. Schüler stellen Blumen, ein „Lebens-Licht“ auf das Kreuz und nun werden auch die grünen Hoffnungsworte wieder zum Leben erweckt und rings um das Symbol des Leidens, wie einen Rahmen der Hoffnung, der all den Wahnsinn ertragbar macht.
Ostern! Das Leben, die Hoffnung, Freude … hat das letzte Wort.
Das ist die alte Botschaft, die vor 2000 Jahren eine zutiefst traumatisierte und enttäuschte Jüngerschaft erst mal verarbeiten musste: Leben und Tod, Freude und Auferstehung in einer Welt von Krieg, Attacken, schlaflosen Nächten und der Hoffnung, es wird alles gut werden.
Ja, vielleicht sind es die Kinder, die uns in die Verantwortung rufen, das Leben, den Glauben, das Feiern und Tanzen im Blick behalten, nicht wegzuwerfen, Auferstehung, Ostern zu feiern, verzierte Eier an einen Strauch zu hängen, die Osterkerze mit dem Alpha und Omega ins Haus zu stellen, das Osterlamm zu backen.
Wir singen weiter: „Keiner soll heut alleine sein, drum sagt es allen weiter; Jesus lädt uns zu seinem Fest ein, zum Singen tanzen und feiern: Hosianna, Halleluja …“ – allen Katastrophen zum Trotz. Ostern 2026 liegt in der Luft.
Bleiben Sie alle behütet und gesegnet und passen Sie gut auf sich auf!
Von Herzen aus Nürnberg
Ihr Pfarrer Johannes
