Ein Abend in Ras Al Khaimah, drei Künstler, eine Stimme, eine Gitarre, ein Tanz – und plötzlich ist Andalusien ganz nah.
Es gibt Abende, von denen man vorher nicht genau weiß, was einen erwartet. Und dann sitzt man da, hört die ersten Töne einer Gitarre, eine Stimme setzt ein, eine Tänzerin hebt nur eine Hand – und auf einmal verändert sich die Atmosphäre im Raum.
So ging es mir bei „The Flamenco Odyssey“ in der Design Gallery in Ras Al Khaimah.
Ich war eingeladen zu einem Abend mit drei Flamenco-Künstlern: Tänzerin Hiromi Fyfe, Gitarrist David Caro und Sänger Miguel Lavi. Drei Menschen, drei vollkommen unterschiedliche Ausdrucksformen – und doch schien es als würden sie dieselbe Sprache sprechen – eine Sprache, für die man keine Übersetzung braucht.
Flamenco ist viel mehr als Tanz: Seine Heimat liegt vor allem in Andalusien im Süden Spaniens, auch wenn seine Wurzeln bis nach Murcia und Extremadura reichen. Seine genaue Entstehungsgeschichte lässt sich nicht auf einen einzigen Ursprung reduzieren. Vielmehr entwickelte sich Flamenco über Jahrhunderte aus der Begegnung verschiedener Kulturen im Süden der Iberischen Halbinsel. Einen ganz entscheidenden Anteil an seiner Entwicklung hatte dabei die spanische Gitano- bzw. Roma-Gemeinschaft.
Vielleicht ist genau das eines seiner Geheimnisse: Flamenco entstand aus Begegnung.
Aus unterschiedlichen Kulturen, Traditionen, Lebensgeschichten – und aus Gefühlen, die überall auf der Welt verstanden werden.
Seine drei klassischen Elemente sind cante, der Gesang, baile, der Tanz, und toque, das Gitarrenspiel. Aber wer Flamenco einmal wirklich live erlebt hat, weiß, dass diese nüchternen Begriffe kaum beschreiben können, was auf einer Bühne passiert.
Denn Flamenco erzählt vom Leben – von Liebe und Sehnsucht. Von Trauer und Verlust. Von Stolz, Freude, Angst und Leidenschaft. Manchmal laut und temperamentvoll, manchmal beinahe schmerzhaft leise.
Und dann versteht man plötzlich auch, warum beim Flamenco eine Pause genauso intensiv sein kann wie ein Ton. Jeder Rhythmus erzählt eine Geschichte. Jede Bewegung trägt ein Gefühl. Und manchmal spricht sogar die Stille.
Drei Künstler – ein Gefühl – Genau das war an diesem Abend in Ras Al Khaimah zu spüren.
Da war David Caros Gitarre, die nicht einfach nur begleitete. Sie antwortete, forderte heraus, wurde leise und dann wieder temperamentvoll.
Da war die Stimme von Miguel Lavi – rau, eindringlich und voller Emotion. Ein Flamenco-Gesang, bei dem man die Worte nicht unbedingt verstehen muss, um zu begreifen, worum es geht.
Miguel Lavi, geboren in Jerez’ legendärem Flamenco-Viertel La Plazuela und selbst mit Gitano-Wurzeln, schien den Flamenco nicht nur zu singen – sondern zu leben. Seine raue, eindringliche Stimme und sein vom Leben gezeichnetes Gesicht sorgten wohl nicht nur bei mir für Gänsehaut. Das offizielle Festival de Jerez bezeichnet ihn ausdrücklich als „cantaor gitano“.
Und dann Hiromi Fyfe: Ihre Bewegungen, ihre Haltung, ihre Hände, der Rhythmus ihrer Füße – manchmal kraftvoll und stolz, dann wieder fast schwebend. Es war faszinierend zu beobachten, wie aus Musik Bewegung wurde und aus Bewegung plötzlich eine Geschichte.
Und vielleicht war es gerade diese Kombination, die den Abend so besonders machte: Niemand stand wirklich allein im Mittelpunkt. Stimme, Gitarre und Tanz reagierten aufeinander, als führten die drei Künstler ein Gespräch. Nur eben ohne viele Worte.
Und dann ist da noch der „Duende“ … Es gibt im Flamenco einen Begriff, der sich eigentlich kaum übersetzen lässt: Duende. Gemeint ist jener schwer erklärbare Moment, in dem perfekte Technik allein nicht mehr wichtig ist. Wenn ein Künstler etwas in seinem Publikum berührt. Wenn Musik, Stimme und Bewegung plötzlich unter die Haut gehen.
Gänsehaut, könnte man vielleicht sagen. Oder einfach Seele.
Und genau deshalb passte dieser Abend für mich so wunderbar nach Ras Al Khaimah. Eine Kunstform, die selbst aus kultureller Begegnung entstanden ist, wurde Tausende Kilometer von Andalusien entfernt lebendig – vor einem Publikum aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen.
Zum Schluss der Darbietung gab es einen riesigen Applaus und die Künstler verabschiedeten sich von den internationalen Zuschauern in Ras Al Khaimah.
Für kurze Zeit traf spanische Tradition auf Kunst, Rhythmus und den Spirit von Ras Al Khaimah.
Und ich glaube, genau darin liegt die Magie des Flamenco: Man muss nicht aus Andalusien kommen! Man muss nicht Spanisch sprechen! Man muss ihn nicht einmal verstehen!
Man muss ihn nur Fühlen!
