Heute berichtet Sven the Baker im 23. Teil der Kolumne über Hunger- und Umweltprobleme auf dieser Welt.

In den letzten Monaten durfte ich viele Vorträge, Schulungen und Backkurse geben, sowohl in direkt in der Baker‘s Kitchen wie auch außerhalb  in Betrieben und für Organisationen.

Ganz besonders schön waren auch die Aktivitäten am Welttag des Brotes. Einige buchten mich als Ambassador des gesunden Brotes.

Für die Möglichkeit bei so vielen verschiedenen Events sprechen zu dürfen, bin ich den Veranstaltern und Verantwortlichen sehr verbunden.

Diesen Weitblick zu haben und das Gespür, wie wichtig gesundes Brot für die Zukunft der Menschheit sein wird – und das an einem so fantastisch und themenbezogenen Tag präsentieren zu dürfen, ist etwas ganz Besonderes.

In diesem Zusammenhang möchte ich noch einmal betonen, dass die Expo2020 in Dubai nicht nur die bisher schönste Expo ist, auf der ich sein durfte, sondern das auch der Deutsche Pavilion – Campus Germany – das Thema Nachhaltigkeit und Energiewende einzigartig präsentiert und erklärt.

Ganz besonders toll ist, dass der Campus Germany aus meiner Sicht sehr bewusst auf Kinder und Jugendliche abgestimmt ist, denn das zeigt den Weitblick, in wessen Händen die Zukunft liegt. Das ganze Konzept – Campus Germany – ist phänomenal durchdacht, professionell umgesetzt, einzigartig kommuniziert und wird mit Herz und Professionalität betrieben. Und dafür an alle Beteiligten ein herzliches, aufrichtiges Dankeschön!

Diese Expo2020 in Dubai zeigt wunderbar, welche Möglichkeiten es schon gibt, Mutter Natur das zurückzugeben, was man ihr wegnahm, das zu heilen, was man ihr antat und die Gegenwart und Zukunft besser zu gestalten.

Ich war eingeladen an einem Event, bei dem ein deutscher Politiker zum Ende seiner Ansprache aufrief, in den nächsten Jahren die Nahrungsmittelproduktion um 70% steigern zu müssen und er erklärte, dass wir eigentlich 2 ½ Erden benötigen würden, um die Menschheit zu ernähren.

Ich möchte nur die Frage in den Raum stellen, wo diese so falschen Zahlen herkommen und wie diese Zahlen, die jeglicher Logik absolut widersprechen, in einer Rede verwendet werden können.

Wie ich an diesem Abend herausfand, war ich zum Glück nicht der einzige, der sich über diese Falschinfos aufregte.

Ich möchte heute generell nicht über Baker‘s Kitchen, Fermentation usw. schreiben. Ich möchte mich einfach offiziell auf wissenschaftlich gestützte Fakten berufen und auf die Wichtigkeit und die notwendige Umgestaltung der Berufung “Bäcker” hinweisen.

Am oben erwähnten Welttag des Brotes war ich eingeladen, im Fernsehen über Brot zu sprechen. Doch bevor ich dies tat, lief ein Abspann vom World Food Programm (Welthungerhilfe).

Vorab möchte ich sagen, dass diese Zahlen genau wie in meinen Vorträgen noch recht positiv dargestellt werden und Kritiker mit weitaus negativeren Zahlen argumentieren.

 Fakten:

– 811 Millionen Menschen gehen hungrig zu Bett jede Nacht

– 1/3 unserer produzierten Nahrung landet jedes Jahr im Abfall das entspricht 1 Trillion US Dollar nur für diesen Abfall,

– Alle 13 Sekunden stirbt ein Kind unter 5 Jahren an Hunger

– Über 2 Milliarden leiden an Mangelernährung

Woran liegt das?

Die Probleme sind vielfältig und definitiv in dieser Kolumne nicht vollständig zu behandeln. Ich möchte damit einfach einen Anstoß zum Nachdenken geben.

Ein Hauptproblem ist viel mehr die ungleichmäßige Verteilung und die Profitgier von Großkonzernen und viel weniger die fehlenden Produktionskapazitäten.

Aber lassen wir das alles einmal draußen.

Stand 2020 sollen 7.753 Milliarden Menschen gelebt haben (ich frag mich immer, wie genau man das wissen kann).

Davon gehen 811 Millionen hungrig zu Bett und 2 Milliarden haben eine Mangelernährung.

Das bedeutet grob gesehen, 2.8 Milliarden Menschen haben nicht genug zu essen. Und 4.942 Milliarden Menschen haben ausreichend oder im Überfluss zu essen.

Das bedeutet also, mit den heutigen leider nur noch 25% zur Verfügung stehenden Anbauflächen und der heutigen Technik, die ja teilweise in ganzen Kontinenten altertümlich und rückständig ist, können wir 4.942 Milliarden Menschen gut und teilweise im Überfluss versorgen.

Wenn man jetzt davon ausgeht, dass nur 33.3 % der für diese 4.942 produzierten Nahrungsmittel Abfall sind und verrotten (66.7% der produzierten Nahrungsmittel werden konsumiert), dann würde das bedeuten, bei einem guten und all umfassenden Produktions – und Abfallmanagement könnte man den Abfall auf ca. 10.3% reduzieren, somit 23 % der verrotteten Nahrungsmittel als Nahrung zur Verfügung stellen.

Man könnte 1.704 Milliarden Menschen sofort mehr versorgen nur aus den Abfällen, die keine Abfälle sein müssten.

Manche Kritiker gehen davon aus, dass bei optimaler Verteilung und einer optimalen Produktionskette sogar weitaus mehr als 10 Milliarden Menschen bei den jetzigen Ressourcen und der Technik ernährt werden könnten.

Ich weiß, das sind Zahlenspiele, die sehr vereinfacht sind. Aber manchmal muss man Dinge einfach sehen, um sie anzugehen und nicht verkomplizieren, um zu hoffen, dass möglichst viele Menschen ihr Interesse verlieren, der Sache nachzugehen.

Fakt:

Für die Ernährung verbrauchte landwirtschaftliche Fläche pro Jahr und pro Person benötigen

– Fleischesser          ca. 3321 m2

– Vegetarier               ca.  603 m2

– Veganer                  ca.  455 m2

Fakt:

Der durchschnittliche Wasserverbrauch pro kg

– Nahrung bei Gemüse und Früchten liegt bei             ca.   425 ltr

– Getreideanbau, Reis, Hülsenfrüchten liegt bei         ca. 1629 ltr

– Milch und Eiern liegt bei                                                ca. 2488 ltr

– Fleisch liegt bei                                                                ca. 6576 ltr

 Fakt:

Die Methan-Emission

– bei einer westlichen Kuh liegt bei        ca. 120.0  kg im Jahr.

– bei einem Schaf liegt bei                        ca.    8.0   kg im Jahr

– bei einem Schwein liegt bei                   ca.    1.5   kg im Jahr

– bei einem Menschen liegt bei               ca.    0.12 kg im Jahr

 Fakt:

Der Treibhauseffekt verschiedener Ernährungsweisen pro Kopf im Jahr liegt

dargestellt in Auto km bei:

Ernährungsweise ohne Fleisch, ohne Milchprodukte

– bio                              281 km

– herkömmlich            629 km

Ernährungsweise ohne Fleisch

– bio                            1978 km

– herkömmlich          2427 km

Ernährungsweise Allesesser

– bio                            4377 km

– herkömmlich          4758 km

Fakt:

16 kg Korn können bis zu 20 Menschen direkt ernähren

16 kg Korn an Rinder verfüttert ergeben

– 1 kg Rindfleisch, was durchschnittlich 2 Menschen ernähren kann

 Fakt:

– 1 Kalorie Getreide = 1 Kalorie Brot (die einen Menschen direkt ernährt)

– 16 Kalorien Getreide an ein Tier verfüttert = 1 tierische Fleischkalorie

– 12 Kalorien Getreide = 1 Kalorie Hühnerfleisch

–  5 Kalorien Getreide = 1 Kalorie Milch

Diesen Fakten könnte man unendlich weiterführen. Aber eine Kolumne ist leider nicht unendlich lang. Ich denke, dass diese Fakten enorm viel Potenzial aufzeigen; Stellschrauben, an denen man arbeiten kann, damit überhaupt kein und noch viel mehr Menschen als jetzt die auf der Erde leben, hungern müssten und jeder Mensch eine ausgewogene, gesunde, naturbelassene, nährstoffreiche Ernährung haben könnte.

Den Punkt Wohlstandskonsum, Überflussgesellschaft, überflüssige unnötig aufgenommene Kalorien lasse ich mit Absicht hier unkommentiert..

An diesem Punkt komme ich darauf zu sprechen, dass jeder von uns für unsere Umwelt aktiv daran arbeiten kann.

Ich sage immer, beobachtet Probleme global – löst Probleme lokal.

Seht ihr euer Potenzial? Oder seht ihr das Potenzial eurer Bäcker, aktiv an der Verwirklichung mitzuarbeiten und die Zukunft positiv mitzugestalten?

Die oben aufgeführten Fakten sollten uns die Dringlichkeit veranschaulichen und zum Handeln bewegen.

Seht ihr, dass der Bäcker ein Teil der großen Lösung sein muss?

Seht ihr die Notwendigkeit, die Ausbildung und die Herangehensweise an den Beruf des Bäckers zu verändern? Aufklärung, Erkenntnisse und Erfahrungen sollten hier unbedingt geteilt werden.

Wir leben im 21. Jahrhundert – die meisten Klimaforscher sagen, im Jahrhundert der Entscheidung!

Und dennoch ist das Hauptberufsbild des Bäckers über Hunderte von Jahren gleich geblieben.

Ja, modernisiert! Neu interpretiert und mit viel und wichtiger Technik versehen. Aber in seinem Verständnis ist es gleich geblieben.

Immer wieder bin ich bei Seminaren, Kursen, Vorträgen und Bäckereibesuchen sowie z.B. auch bei der Akademie für Deutsches Bäckerhandwerk in Weinheim, wo viele erkennen, dass es einen Wandel gibt und geben muss. Aber es muss so viel mehr passieren!

Wir Bäcker haben eine der größten Verantwortungen der Zukunft, sowie jeder Einzelne von Euch auch!

Und wie immer wünsche ich mir, dass ihr meine Freunde gesund bleibt und alles hinterfragt.

In diesem Sinne macht‘s gut!

Euer Sven